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 Sprecherin Susanne Moison

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Das erste UNESCO Industriedenkmal der Welt

Meine unbändige Neugier treibt mich nicht nur um die Welt, sondern ich interessiere mich auch brennend für ehemalige Geschichte/n der der Menschheit und Lebensbedingungen in anderen Zeitepochen, Kulturkreisen, … (meist merke ich dabei, wie gut es uns hier eigentlich geht!)

Hier im kleinen Saarland, meiner Heimat, gibt es einen fantastischen Ort, an dem man einen beeindruckenden Einblick in das Zeitalter der Industrialisierung gewinnen kann. Wo wären wir ohne diese Industrialisierung, also die Zeiten der technischen Revolutionen, Entwicklungen, Fortschritte, Massenarbeit, Fließbandproduktion, ….

Und wisst ihr was? All‘ das ist noch gar nicht so lange her! Wir sprechen da von vielleicht gerade mal 150 – 200 Jahren!

Schon in der Schule lernt man ja, dass es mit der Erfindung des mechanischen Webstuhls in England begann. Das Transportwesen änderte sich, die Dampfmaschine wurde erfunden, die ersten Lokomotiven, Dieselmotoren, ….

Doch für all‘ das braucht man natürlich auch Energiequellen und da kommt das kleine Saarland ins Spiel! Hier in der Grenzregion zu Frankreich und Luxemburg gab es die damals sehr wertvollen Rohstoffe wie Kohle und Eisenerz.

Mein Opa z. B. hatte die erste Privatgrube in der Saarregion. Jetzt könnt ihr euch vorstellen, wo ich als Schülerin meinen ersten Ferienjob gemacht habe. Ich durfte allerdings nur „Über Tage“ bei den Elektrikern arbeiten, da Frauen nicht „einfahren“ durften. Doch „malocht“ habe ich trotzdem.

Doch was hat die Völklinger Hütte damit zu tun? Die Völklinger Hütte ist das erste UNESCO Industriedenkmal der Welt. Hier begleite ich Gäste / Touristen bei Führungen über das Gelände und erzähle ihnen von dem, was hier gemacht wurde, unter welchen Arbeitsbedingungen die Männer und Frauen hier gearbeitet haben und was wir hier auf der Hütte sonst noch so an Kultur zu bieten haben. Wir nutzen das Hüttengelände nicht nur als Anschauungsort der Industriellen Revolution und der Erzverarbeitung, sondern auch, um viele verschiedene andere Kulturen und Kunst darzustellen und darzubieten. Doch das wird ein Extrakapitel auf der „Sarah-Kultour-Seite“ für sich.

Warum ist die Völklinger Hütte ein UNESCO – Denkmal? Auf der UNESCO-Liste zu stehen bedeutet ja, einzigartig zu sein! Das ist die Hütte auch! Es gibt sogar zwei Alleinstellungsmerkmale! Doch das werdet ihr erfahren, wenn ihr mich mal besuchen kommt. Ich kann euch ja nicht alles im Vorfeld verraten 🙂

Also, wenn ich dann meine Gruppen verschiedener Länder empfange, ist meine erste Frage immer: „Was denkt ihr, wurde hier gemacht?“. Die meisten antworten dann: „Stahl“. Doch das ist falsch. Das Stahlwerk, wo heute auch noch Stahl (hauptsächlich Drähte für Autoreifen) hergestellt wird, ist etwa 300 m entfernt. Dort, wo heute noch dicker, weißer Qualm aufsteigt. Doch um Stahl herstellen zu können, braucht man Roheisen. Roheisen existiert allerdings nicht in seiner reinen Form in der Natur, sondern ist gebunden an das Gestein „Eisenerz“. Dieses Eisenerz muss in riesigen Hochöfen bei einer Temperatur bis zu 2000 Grad erhitzt und geschmolzen werden, damit sich das reine Roheisen absetzt und „abgestochen“ werden kann.

Stahl ist einfach nur eine Legierung aus Roheisen mit Zusatzstoffen. Es kommt ja darauf an, ob man Stahl braucht, um Messer und Gabel herzustellen oder die Queen Mary oder die Ariane zu bauen (hier wurde tatsächlich Stahl aus Völklingen verarbeitet!)

Bei so einer Führung gehe ich dann mit den Gästen „auf den Spuren des Eisenerzes“ jeden einzelnen Arbeitsschritt ab, z.B., wie das Eisenerz, welches aus dem benachbarten Frankreich kam, vorbereit und geschmolzen wurde.

Natürlich ist so ein Rundgang (2,8 km und ca. 400 Stufen) sehr interessant, was das Technische angeht, doch mein besonderes Anliegen ist es eigentlich, auf die Arbeitsbedingungen der damaligen Zeit einzugehen.

Die Hütte wurde 1883 von der Familie Röchling gegründet und hatte sich bald zum größten Stahlträgerproduzenten Europas entwickelt. Wenn das mal kein anschauliches Beispiel der Industrialisierung ist.

Die Männer arbeiteten 56 Stunden in der Woche in 3 Schichten! Jeden Tag! Die Arbeitsbedingungen waren extrem! Extrem laut, extrem schmutzig, extrem heiß bzw. kalt, extrem gefährlich … Arbeitsbedingungen, die meist lebensbedrohend waren. Oft wurden diese Männer nicht alt.

Mein Vermieter Sepp, der jetzt über 90 Jahre alt ist, hat über 40 Jahre auf der Hütte gearbeitet. Er ist aber nur so alt geworden, weil er Chemiker im Labor war. Die meisten Männer haben ihr Rentenalter nicht erreicht.

Doch im Saarland gab es kaum Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Wenn die Jungs mit 15 von der Schule kamen, hieß es: „Bub, entweder du gehscht uff die Gruub oder uff die Hütt“. Bis Ende der 60er / 70er Jahre gab es kaum Schutzkleidung oder sonstige Schutzmaßnahmen.

Bei meinen Führungen konzentriere ich mich hauptsächlich auf die Zeit, als die Familie Röchling die Hütte als Familienbetrieb geführt hatte, also von 1883 – 1945. Das ist auch geschichtlich die spannendste Zeit hier im Saarland gewesen. Natürlich gab es die zwei Weltkriege, von denen die Röchlings, wie viele andere Unternehmen auch, profitierten. Leider auch mit Hilfe von 12.300 Zwangsarbeitern.

Aber hier im Saarland war immer alles anders. Erst waren wir bayerisch-preußisch, dann Kaiserreich, dann französisch, dann sogar mal selbständig mit eigener Fußballnationalmannschaft bei der WM. Bei der Machtergreifung Hitlers hieß es 1935 „zurück zum Reich“, wozu sich 90 % der Saarländer bei einer Wahl entschieden hatten. Im 2. Weltkrieg wurden wir von den Amerikanern befreit, dann Frankreich zugeteilt, welches die Hütte nutzte, da es riesige Eisenerzfelder hatte.

Ich kann mir vorstellen, dass die Saarländer in diesen Zeiten nie so richtig wussten, wo sie hingehören. Doch vielleicht hat uns das als Region ja auch zusammengeschweißt? Auf jeden Fall sind wir ein sehr besonderes und liebenswertes Völkchen für sich.

Das Saargebiet war also komplett abgegrenzt von der Bundesrepublik.

Ich weiß noch, wie meine Großeltern erzählten, dass sie oftmals Sachen aus den anderen Bundesländern in das Saargebiet geschmuggelt hatten.

1955 konnten die Saarländer dann wieder wählen, wozu sie gehören wollten und sie entschieden sich für Deutschland.

Das Saarland hat also eine bewegte Geschichte, die eigentlich kaum jemand kennt (ich muss gestehen, dass ich das auch kaum wusste, bevor ich mich mit der Hütte und der Saargeschichte beschäftigt hatte).

Es passiert ganz oft, dass Gruppen, die „gezwungenermaßen“ eine Führung mitmachen müssen, weil es einfach ein Programmpunkt in der Buspauschalreise ist, nach der Führung sagen, dass sie nie gedacht hätten, wie spannend es hier sein kann!

Das Motto der Hütte ist: „Völklinger Hütte – einer der spannendsten Orte der Welt“! Und dieses Motto gilt nicht umsonst, denn hier finden auch ganz viel Sonderausstellungen, Konzerte, und vieles mehr statt. Hier ist z.B. einmal im Jahr die größte Technoparty im Großraum Saar-Lor-Lux. Da rockt die Bude.

Oder vor ein paar Jahren wurde in der Gebläsehalle die Oper „Rigoletto“ aufgeführt. Da haben die Sängerinnen und Sänger auf den riesigen 2.750 PS starken Gasmotoren gestanden und ein Orchester hat live dazu gespielt, oder der Stummfilm „Modern Times“ mit Charlie Chaplin (der sich mit den Auswirkungen der Industrialisierung beschäftigt) wurde auf einer riesen Leinwand in Begleitung eines Orchesters vorgeführt, oder es gibt auf dem riesen Parkplatz jeden Sommer Autokino , oder, oder, oder,…

Dieses Jahr hätte einer meiner Chöre aus Südafrika mit 100 Sängerinnen und Sängern ein Konzert auf der Hütte gegeben, doch dann kam CORONA!

Am besten kommt ihr einfach mal hier ins kleine Saarland!

Dann mache ich eine Privatführung auf der Hütte mit euch und wir fahren in den Stollen einer Kohlengrube, dem Erlebnisbergwerk Velsen ein, besuchen das Weltraumatelier in Nohfelden, wo es ein Stück einer Sternschnuppe und einen Stein vom Mond gibt, gehen am Bostalsee schön wandern, fahren mal kurz nach Frankreich oder Luxemburg und vor alle Dingen: Wir werden gut essen und trinken, denn das Lebensmotto der Saarländer ist „hauptsach gudd gess“.

Bis bald, á bientôt, until we meet, a presto!

Liebe Grüße / salutations / best wishes / cordiali saluti

Eure Sarah

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