Seite vorlesen > Audio Blinde Radfahrer, der Papst und die Lupe

 Sprecherin Frau Susanne Moison

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2008! Das war das schicksalhafte Jahr, als ich das erste Mal an der Organisation einer Fahrradreise für blinde und sehende Radfahrer beteiligt war! Ich arbeitete bei einem Reiseveranstalter in Rom. Dort empfing ich viele Gruppen aus den verschiedensten Ländern der Welt. Da waren zum Beispiel Schulgruppen aus den USA und aus Tasmanien, das Suzuki Orchester aus Japan, Pilger, Waldenser, joggende und radelnde Touristen und viele mehr.

Eines Tages bekam ich den Anruf von Horst S. Er sagte kurz und knapp, wie es so seine Art ist: „Wir sind eine Gruppe von 30 Tandemteams bestehend aus einem sehenden Piloten und einem blinden Copiloten, 6 Einzelfahrern und mehreren Begleitfahrzeugen, insgesamt 85 Personen aus 6 europäischen Nationen. Wir machen eine Pilgerradtour von Mainz nach Rom. Wir brauchen auf dem Weg durch Italien jeweils Unterkünfte mit Abendessen und sichere Abstellräume für die 36 Fahrräder. Außerdem müssen wir unbedingt Papst Benedikt den XVI. persönlich treffen, um ihm die Charta des Selbsthilfevereins „Pro Retina“ zu übergeben, denn dann bekommen wir Fördergelder für die Erforschung der Krankheit der Netzhautdegeneration!“ Punkt!

Ich schluckte erst einmal und naiv und überrumpelt wie ich war, sagte ich dann: „Klar, kein Problem. Organisiere ich für euch!“

Da ich ja vor Ort war, hatte ich mich dann direkt auf mein Fahrrad geschwungen und bin durch den typisch chaotischen Verkehr auf römischen Straßen in den Vatikan gefahren. Ich habe dort bei sämtlichen Pilgerbüros, Behörden, Ämtern, Konsulaten, Botschaftern, Radio- und Fernsehsendern die Türen eingerannt, um den Radfahrern ihren größten Wunsch und „heiligstes Ziel“ zu erfüllen – ein Treffen mit Papst Benedikt! Ich dachte: „So eine Leistung dieser besonderen Pilgergruppe müsste doch gewürdigt werden“!

Doch das Einzige, was ich bis zur Ankunft der Gruppe erreichen konnte, war eine Pressekonferenz im Dt. Pilgerbüro mit Radio Vaticano, der Radio Televisione Tedesca (ARD Studio in Rom) und der RAI UNO. Eine persönliches Treffen mit Benedikt konnte man mir leider nicht garantieren. Zumindest erreichte ich jedoch, dass wir bei der öffentlichen Papstaudienz am Mittwoch Sitzplätze reserviert bekamen.

Dann kam der 23.09.2008 – die letzte Etappe von Grosseto nach Rom. Ich ließ es mir natürlich nicht nehmen, die Gruppe auf den letzten Kilometern vor den Toren Roms mit meinem Rad zu begleiten. Meine Herren, waren die flott unterwegs! Zwei Polizisten auf Motorrädern lotsten uns sicher durch die stark befahrenen Straßen Roms. Und dann fuhr dieser 180 m lange Tross unter dem Jubel und Beifall der an der Straße stehenden Menschen endlich auf der Via della Conciliazone dem Petersdom entgegen! War das ein Spektakel! Nach 1.500 km und 10.200 Höhenmetern hatten diese ganz besonderen Pilger endlich ihr Ziel erreicht. Sie fielen sich in die Arme, weinten, lachten, beglückwünschten sich gegenseitig und konnten es kaum glauben, endlich ihr Ziel erreicht zu haben! Das war ein Moment, der einfach nicht zu beschreiben ist. Da wusste ich, dass sich all die Arbeit gelohnt hatte, ob mit oder ohne Papst!

Natürlich wurde abends im Hotel ausgelassen gefeiert!

Am nächsten Tag war dann die Papstaudienz. Es war ein Bild für die Götter, wie wir mit fast 90 Personen in gelben Trikots auf dem Petersplatz saßen!

Auf dem Petersplatz tummelten sich natürlich wieder zigtausend Pilger oder einfach nur neugierige Touristen. Diese Atmosphäre muss man einfach mal erlebt haben, ob gläubig oder nicht, ob blind oder sehend. Wir saßen also alle brav vor den Stufen des Petersdoms. Oben, vor der „Porta Sancta“, der „Heiligen Pforte“, war ein Baldachin aufgebaut, wo der Papst auf seinem Stuhl saß. Die Schweizer Garde war überall präsent in ihren lustigen blau-gelb gestreiften Uniformen.

Auf einmal kam der „Zeremonienmeister“ auf uns zu und sagte kurz: „Vier von euch mitkommen!“ Ehe wir uns versahen, standen Horst, zwei andere Teilnehmer und ich oben neben dem Papst mit einer Gruppe anderer auserwählter Menschen. Da waren Brautpaare, orthodoxe Mönche, Rollstuhlfahrer …. Halt eine kleine Gruppe erlesener Menschen, die dort stehen durften. Nach der Audienz, in der der Segen in bestimmt 20 Sprachen ausgesprochen wurde, kam dann „Il Papa“ zielstrebig auf uns zu! Wir wussten gar nicht, wie uns geschah!

Gemäß meiner Erinnerung verlief das Gespräch ungefähr so: „Ah, ihr seid diese besondere Gruppe mit den blinden und sehenden Radfahrern, die von Mainz hierher geradelt sind? Ihr wurdet mir schon angekündigt. Daraufhin antwortete Horst: „Ja, Heiliger Vater. Wir sind von der Gruppe Pro Retina. Wir haben hier unsere Charta und auch ein kleines Geschenk für sie“.

Horst hielt ihm eine Swarovski-Lupe entgegen, woraufhin Benedikt antwortete: „Oh, danke, endlich mal etwas Nützliches, was ich auch gebrauchen kann“. Wir schüttelten dem Papst kurz die Hand, bekamen noch einen weißen Rosenkranz als Geschenk und dann wandelte er von dannen und der Zauber war vorbei.

Aber wir blieben wie verzaubert. Ob gläubig oder nicht, es war eine Begegnung der besonderen Art!

Von da an war ich der „Engel von Rom“ (den ganzen Presseartikel könnt Ihr hier nachlesen …)

Kaum war ich in Deutschland und hatte mich als Sarah Schäfer Reisen selbständig gemacht, kam ein Anruf von Horst: „Sarah, Engel von Rom, kannst du nicht wieder eine Tour für uns ausarbeiten“? Daraufhin entstand die Tour „Quattropole“ hier im „Vierländereck Saarland, Rheinlandpfalz, Frankreich und Luxemburg. Doch das wird wieder eine Geschichte für sich auf www.sarah-kultour.de.

Liebe Grüße / salutations / best wishes/cordiali saluti
Eure Sarah

Auch der Saarländische Rundfunk ist von dem Projekt begeistert, dass Sehende mit Blinden Fahrrad fahren und sogar gemeinsam auf (Pilger-)Reisen gehen.
Einen Fernsehbeitrag des SR könnt ihr hier sehen.

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